Sonntag, 9. Dezember 2018

9. Dezember 2018 - Adventskalender 2018 - 9. Türchen: Heiligabend mit meiner Oma

Heiligabend mit meiner Oma

Ihre letzten Lebensjahre verbrachte meine Oma in einem Altersheim. Sie hatte Arteriosklerose, eine Art von Demenz. Eine Wesensveränderung wie oft bei Alzheimer-Erkrankten habe ich nie an ihr feststellen können. Dennoch gab es natürlich diese furchtbaren Lücken: Sie war ein wenig böse auf ihre Eltern, dass die sie nicht besuchen kamen (sie waren schon lange vor meiner Geburt gestorben) - dass ihr Mann Silverius jedoch ebenfalls lange tot war, wusste sie meistens noch.

Und irgendwie erinnerte sie sich auch an die Heiligabende meiner Kindheit, an denen sie kochlöffelschwingend eine Hauptrolle gespielt hatte.

Wir holten sie jedes Jahr an Heiligabend aus ihrem Altersheim ab - und natürlich hatte ich ihr rituelles Pfefferpotthast auf dem Speiseplan stehen.

Gemeinsam schnibbelten wir die große Menge an Zwiebeln für das Gericht, und mit jeder Träne, die diese bei ihr verursachten, kam ein kleines Stück der damaligen Empfindungen zurück. Sie lebte wieder in der alten Zeit, als ihre Familie noch gemeinsam Weihnachten feierte und sie für alle sorgte. Ich sorgte mich eher, dass sie anstatt in die Zwiebeln zu schneiden, sich die Finger abhackte. Aber alles ging gut, das waren Routine-Griffe einer ewig langen Zeit als Hausfrau, Mutter und Oma.

Sie gab mir sogar den Tipp (den kannte ich natürlich schon), alle Gewürze in eine Mullbinde zu verstauen, damit man Nelken, Piment undsoweiter am Ende nicht auf den Tellern hatte.

Nach dem Essen kam die Bescherung - und weil sie es früher auch so festgelegt hatte, das gemeinsame Singen unterm Tannenbaum.

Die Liedertexte konnte sie - im Gegensatz zu mir, ich kannte die nie auswendig und musste hier und da mit einem lalala überbrücken - fehlerfrei mitsingen.

Ihre Geschenke an uns hatte ich natürlich selber gekauft, verpackt und ihr gesagt, dass sie die besorgt hat.

Ansonsten musste ich ein bisschen das Gefühl, die Mutter der eigenen Großmutter zu sein, beiseite schieben. Sie hatte es verdient, auch in dieser Krankheit mit Würde behandelt zu werden - obwohl die ständig gleichen Fragen oder Erzählungen gewöhnungsbedürftig waren. Eigentlich gewöhnt man sich nie daran - und es treibt einem hin und wieder auch Tränen in die Augen. Sie hatte jeden Respekt der Welt - und von mir sowieso - verdient. In meiner Kindheit und auch danach hatte sie alles für mich getan, und ich musste ihr nur ein bisschen Geduld zurückgeben. Das fiel mir nicht schwer. Ich habe sie bis zu ihrem Tod sehr verehrt, wenn ich das auch nicht oft gezeigt habe (als sie noch gesund war) - und es war mir ein Bedürfnis, ihr so viele schöne Tage zu bereiten, wie es mir möglich war.

An den späten 1. Feiertagen brachten wir sie zurück in ihr Altersheim.

Bis zum Schluss hat sie mich immer erkannt. Meinen Mann hielt sie meistens für ihren Sohn Franz, aber so what. Somit hatte sie ihn eben auch gerne.

Sie hielt meinen Mann für ihren Sohn, weil ich als kleines und auch größeres Mädchen beinahe genau so an dem Bruder meines Vaters gehangen hatte wie an ihr. Sie war eben daran gewöhnt, uns ständig im Doppelpack zu erleben.


Einen schönen Adventstag, Gruß Silvia

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