Die Kraftquelle meiner Oma
Niemand hat ihr je einen Rosengarten versprochen - und sie hat ihn auch nie bekommen.
Am 27. August 1902 in Dortmund geboren - war sie später die Ehefrau von Silverius Schäfer, und gemeinsam bekamen sie drei Söhne. Den letzten bekamen sie 1935, und somit galt meine Oma Josefine zu der Zeit als
Spätgebärende.
Silverius Schäfer starb mit nur 47 Jahren. Ich habe ihn nie kennengelernt. Wurde jedoch nach ihm benannt. Ihr ältester Sohn Johannes starb mit 21 Jahren. Jahrzehnte später starb noch ihr Enkel, mein Bruder, mit 19 Jahren.
Und zwischen all den Jahren hat sie 2 Weltkriege erlebt - und musste miterleben, wie Dortmund im 2. Weltkrieg permanent bombardiert und komplett zerstört worden ist. Wie viele ihrer Freunde
bei diesen Angriffen gestorben sind ... ich weiß es nicht.
Meine Oma gehörte zu einer Generation, die für das größte aller denkbaren Elende keine Worte finden wollte oder konnte. Sie fraßen das Leid in sich hinein - und spuckten es nicht anderen als bittere Erfahrungen vor die Füße.
In meinen seltenen sensiblen Kindheits-Momenten habe ich jedoch gespürt, dass sie manchmal in eine tiefe Traurigkeit abgedriftet ist. Schnell, ganz schnell, hat sie diese wieder verborgen, denn niemals hat sie gewollt, dass ich ihren Schmerz spüre. - Manches erkennt man erst viele, viele Jahre später.
Vielleicht wollte ich aber genau aus diesen Gründen nie ein Kind haben - aus einer vorausschauenden, aber nicht weiter zu begründenden Angst, dass es vor mir sterben könnte ... Nie wollte ich diese Traurigkeit selber fühlen -
und dennoch fühlt jeder sie irgendwann und auf irgendeine Weise, auch eine Frau ohne Kinder.
Die Kraftquelle
Meine Oma besaß jedoch eine Kraftquelle, aus der sie immer und immer wieder Hoffnung schöpfen konnte:
sie war katholisch, und sie war tiefgläubig.
Sie glaubte an ein Wiedersehen nach dem Tod mit all ihren lieben Verstorbenen.
Oft habe ich sie um "ihren Gott" beneidet, heute sehr, damals nur selten. Früher habe ich mich manchmal hinreißen lassen,
in ihrer Gegenwart Gott abgrundtief zu beleidigen. Nicht, um ihr wehzutun, sondern um sie von ihm zu entfernen - ich war
schlicht eifersüchtig und wollte Gott aus ihrem Kopf wegmanipulieren. Das sehe ich heute so - damals war ich nur wütend, dass es jemanden geben k ö n n t e, den sie mehr liebte als mich.
Dabei hat sie nie von mir verlangt, dass ich Gott in demselben Licht sehe wie sie. Das einzige, was sie
je von mir "verlangt" hat, war, glücklich zu werden.
Ihr größter Wunsch an meine Zukunft lautete:
"Ich wünsche mir für dich, dass du n i e, n i e einen Krieg erleben musst."
In diesen knappen Worten lag
im Grunde ihre zeitlebens unerzählte eigene Geschichte.
Guten Tag, Gruß Silvia
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