Das große Briefesterben
Gab es nicht einmal einen Deutsche- Post-Slogan, der "Schreib mal wieder" gelautet hat? Das muss zu einer Zeit gewesen sein, als sich manche Menschen noch an ihre Schreibtische gesetzt und handschriftlich ein paar oder auch sehr viele Zeilen an einen lieben Menschen verfasst haben - und die Post weitere Leute dazu veranlassen wollte, es ihnen gleichzutun. Was gab es Schöneres, als einen Brief in den Händen zu halten, auf den man lange gewartet hat?
Ich erinnere mich an die etwa 30 Briefe, die mir ein damaliger leicht verrückter und zu der Zeit bereits Ex-Freund geschrieben hat, der den Werbespruch besonders ernst genommen hat. Seitdem ist es ziemlich mau mit persönlichen Briefen geworden. Hin und wieder bekomme ich einen Geburtstagsgruß und weniger häufig einen Brief, in dem mir jemand "Frohe Weihnachten" wünscht. Auch aufgrund meines Blogs gab es einige persönlich verfasste Briefe, die mich besonders gefreut haben, weil sie recht überraschend waren. Danke dafür!
Überraschend ist jeder Brief heute sowieso, denn für manchen Schreibwilligen mangelt es nicht an Papier, sondern an
Briefkästen. Man findet sie nur noch mit detektivischer Suche. Neulich fragte mich eine Frau auf unserer Einkaufsstraße nach einem gelben Häuschen für Briefe - ich konnte ihr leider nicht weiterhelfen. Und ich bin viel unterwegs, sehr viel. Rein zufällig habe ich ein paar Wochen später endlich einen Briefkasten gefunden, der noch nicht stillgelegt war. Da fiel mir sofort diese ratlose Frau ein - ob sie in der Zwischenzeit auch einen gefunden hat?
Wann das große Briefsterben eingesetzt hat, kann ich nicht genau beziffern, aber es muss mit dem Vormarsch der sozialen Medien passiert sein. Geschrieben wird schließlich noch: in Kurznachrichten mit ein paar Smileys, als würden diese liebe Worte wirklich ersetzen können. Begonnen hat es vermutlich mit SMSs.
Natürlich liefert die Post noch Post, aber das sind eher Briefe, die niemand gern bekommt: Rechnungen, Mahnungen, Werbesendungen ... wenn Letztere nicht wären, wäre mein Briefkasten wie ein verlassener, unbewohnter Planet, der genauso
ungenutzt ist wie die Blinker an den meisten Autos.
Es wird der Tag kommen, an dem wir keine persönliche und unverwechselbare Handschrift mehr vorweisen können - oder die sich auf eine hin und wieder nicht vermeidbare Unterschrift beschränkt. Als Gegenwert können alle rasant in die Tasten tippen, was immer sie der Welt mitzuteilen haben - meistens interessiert es die Welt überhaupt nicht.
Im Gegensatz zu den früheren Briefeempfängern, die sehnsüchtig auf die Zeilen gewartet haben ... die nun auf immer ausbleiben werden.
Schreibt mal wieder! Und wenn es nur ist, damit ihr nicht aus der Übung kommt und ihr euch an eure Handschrift erinnert. Schreibt mal wieder! Nutzt eure Stimme für einen schönen Brief an einen lieben Menschen.
Das sage ich, obwohl ich seit jeher immer viel geschrieben habe, aber eine ausgesprochen faule Briefeschreiberin gewesen bin. Und noch immer bin.
Guten Tag, Gruß Silvia

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