Ob Blond, ob Rot, ob Braun, Kopp in den Nacken für den Haarwaschvorgang ... die Halswirbel knacken, und das ist wesentlich unangenehmer, als ein paar eigene Ansichten zum Besten zu geben: auch dann, wenn davon niemand beeindruckt ist.
Smalltalk war gestern - heute ist Politik-Talk in den Schnitt- und Färbevorgang inbegriffen.
Sie, die ihre Haare grünfärben lassen will, erzählt, dass sie die "Linken" liebt. Die sind so originell, meint sie - und so unkonventionell, weil sie keinerlei Berührungsängste haben. Nicht einmal mit Clan-Chefs, denn die sind die wahren Familienmenschen,
von denen sich andere ein Scheibchen abschneiden können, denn Familien sind die Grundmauern unseres Landes. Meint Grüni! Als sie nach dem Färben in den Spiegel schaut, entdeckt sie, dass hier ein explosiver
Farbfehler passiert ist. Die Friseurin hat ihre Haare versehentlich blau gefärbt. Das gibt Ärger! Und nicht nur Abzug an der Kasse, sondern Runterpunkten
beim Bewerten des Salons.
Die blonde Frau vorm anderen Spiegel möchte ihre Haare zwar nicht blau färben lassen, aber sie verweist auf Hape Kerkeling, der über Blau referieren kann, als wäre er auf einem ganz neuen Pilgerweg, auf dem es verboten sein soll, Blau zu wählen. Nicht bei Wanderschuhen. Nicht beim Friseur, nicht an der Wahl-Urne.
Schon sein Großvater hätte unter den Na... gelitten ... und da greift die Frau, die sich Dauerwellen wünscht, wissend ein ... dass dieser Großvater eine andere Vita hat, als die, die Hape zu Protokoll gegeben hat. Man suche bei Google,
meint eine der Friseurinnen, und man wird fündig werden, dass dieser Großvater ein Krimineller gewesen ist.
"Das kann nicht sein, das sind böse Alternative Fakten", wirft die Frau ein, die blonde Strähnen aus dem Angebot gebucht hat, "und er ist der neue Liebling von Steinmeier und Genossen." Ohnehin wähle sie
ausschließlich die SPD - und wenn es sonst niemand mehr tut, sie stellt als Letzte den Strom ab, falls sich niemand findet, der das dann mental noch stemmen kann. Sie ist einfach nur lieb.
Im nahen Wartebereich sitzt die alte Frau, die ihre grauen Locken aufgehübscht haben möchte - und da sie schüchtern ist, klingt ihre Stimme nur ganz leise. Sie meint, dass man niemals
undemokratisch wählen dürfe - und die CDU sei ihr auch ein nächstes Kreuzchen wert. Selbst ihr Seelsorger meint, dass man damit nichts verkehrt machen könnte.
Einer rothaarigen Frau in ihren Vierzigern, die nur zum Spitzen-Schneiden vorbeigekommen ist, platzt der Kragen bei so viel Politik-Romantik in jeglicher Farbnuance:
sie leidet seit dem Wirrwarr unter psychischen Problemen und merkt,
dass die beim Friseur nur noch größer werden.
Links, Rechts. Geradeaus, Halblinks, Halbrechts, Untendurch:
Falsch auf jeden Fall - trifft sie den Kern der Friseur-Philosophie.
Am Ende brennen Meinungen andere Meinungen nieder, und schwarze Farbe überdeckt versehentlich die rote, während die blaue kein grün werden will, und
sowieso ist alles Quatsch in diesem Salon. Wenn auch authentischer.
Und die Preise sind zum Schwindeligwerden.
"Es ist nicht mehr lustig, zum Friseur zu gehen", sagt die Frau mit dem Durchschnitts-Haarschnitt, die seit Jahrzehnten wöchentlich diesen Salon finanziell unterstützt. Sie wirft ihre rosa Brille nun in den Müll.
Doch bei der nächsten Bundestagswahl will sie eigenhändig "Helmut Schmidt" auf den Wahlzettel schreiben - obwohl sie natürlich weiß, dass der dadurch ungültig wird.
Ungültig ist ja in diesem Dilemma nicht schlimmer als gültig sein kann.
Guten Tag, Gruß Silvia

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