Regiolekt im Ruhrgebiet - Gibt es den noch?
Über Dialekte macht man sich gern lustig oder erfreut sich an ihren Ursprüngen, die jedem Fremden beweisen, wo man herkommt und wo man sich zu Hause fühlt. Und das "sich zu Hause fühlen" ist ein dichtes Nebeneinander mit dem "Zuhause zu sein".
Dialekte sind wie eine klammernde Umarmung,
die an der jeweiligen Heimat andockt.
Jeder Schlag liegt dicht an der Seele und gibt dem Herzen die Berechtigung, stets weitermalochen zu wollen in dem Rhythmus des
Gewohnten, Gekannten und des Vertrauten, das sich wie die reinste Zärtlichkeit anfühlt.
Ich gehe durch das Ruhrgebiet, und im Gepäck habe ich diesen
Regiolekt,
der so gern oder ungern Vokale unnötig in die Länge zieht ... oder
datt und watt
einfach ins Spiel bringt, weil ein jeweiliges "s" anstelle des doppelten "t" doch nur der einwandfrei beherrscht, der nicht hier geboren worden ist.
Das und was also anstatt datt und watt.
Eine kleine Entgleisung, der auch fehlende Endbuchstaben hinzugerechnet werden können - oder anstatt "Guten Tag" einfach "Guten Tach" hinpfeffert,
weshalb es u. a. auch nur ein Regiolekt und kein Dialekt ist. Mir entfährt das eine und das andere, wenn ich mich besonders wohl und sicher fühle,
während es noch lange nicht bedeutet,
das ich je "Komm bei mich bei" höre oder
"tu die Omma ma winken" - und ähnliche Unterstellungen, die man uns sprachlich anlastet.
Hört man es doch - kann es sein, dass sich jemand vermutlich mittels solcher Ausdrucksweise selber aufs Korn nimmt.
Eher war es bei mir immer ein langgezogener Vokal, wenn man mich gefragt, wo ich
geboren bin: Dooortmund!
Diese seltsame Buchstaben-Vermehrung kam mir jedoch bei anderen vokalhaltigen Wörtern nie über die Lippen.
Im Laufe der Jahre ist auch das "Dooortmund" zugunsten von Dortmund verlorengegangen. Als hätte ich die Lust an etwas Einzigartigem ausgetilgt.. In Wahrheit war ich nur nicht willens, dem
Erwarteten zu entsprechen, weil ich es einfach anders gelernt hatte. Hochdeutsch eben!
Heute ist alles anders. Die langgezogenen Vokale und vielleicht sogar ein paar spezielle Ausdrücke, die es hier und nur hier gibt,
haben sich längst versteckt. Sozusagen sind sie geflüchtet. Und im Hochdeutschen angekommen.
Stattdessen höre ich auf meinen vielen Wegen durchs Ruhrgebiet mindestens
100
verschiedene Sprachen.
Und ich glaube, hinter all den fremden Sprachen steckt nicht e i n Gedanke, ein kleines bisschen z. B.
Ruhrgebiet
oder Bayern oder Schleswig Holstein oder Rheinland-Pfalz werden zu wollen,
sondern immer in Syrien, Afghanistan und anderen Ländern zu Hause zu bleiben - nur eben anderswo.
Ach ja, wir Menschen aus dem Ruhrgebiet sprechen vor allem gern Tacheles: schnörkellos, ungeschönt, manchmal sogar unvorsichtig voreilig ...
Guten Tag, Gruß Silvia



