Freitag, 28. August 2026

28. August 2026 - Ein Paar, ein Ehepaar, Freunde oder einfach zwei Wildfremde




Ein Paar, ein Ehepaar, Freunde oder einfach zwei Wildfremde

Durch die leerer gewordene Einkaufsstraße finden sie am frühen Abend den Weg in ein Restaurant. Beide haben ihre Blicke starr in Smartphones versenkt, dass man bereits eine Ahnung davon bekommt, was der Menschheit noch blüht:

irgendwann geht sie nicht mehr aufrecht, weil sich die Halswirbelsäule verkrümmt hat und die Köpfe bedrohlich herunterhängen. Aber das ist noch nicht heute das Problem,

denn diese beiden Leute laufen beim Betreten des Lokals beinahe gegen die Glasscheibe. Es wird wohl

Zeit, dass diese dauergenutzten kleinen Geräte seine Nutzer vor Hindernissen warnen.

Wie durch eine neblige Zauberwand finden sie einen freien Tisch und plumpsen auf ihre Stühle, ohne den Blick vom Telefon zu lassen. Das ist eben nicht nur ein

Telefon, sondern die ganze Welt, die in diesen Smart-Phones steckt. Eine Welt, die permanent einfordert, die

wirkliche Welt viel weniger zu beachten als die virtuelle.

Man könnte beinahe denken, der Teufel hätte sich mit diesen Handys verbündet, um sie u. a. im Straßenverkehr verunfallen zu lassen oder zumindest hin und wieder gegen Laternen laufen zu lassen, damit der Dachschaden seine Konsequenz bekommt.

Ein Kellner eilt zu seinen neuen Gästen, aber die wenden den Blick nicht von dem Wichtigsten in ihren Leben ab,

sondern rufen eine Seite im Internet auf, die die Speisekarte des Lokals bereithält. Der Mann und die Frau zeigen auf das Gewünschte,

und das gelingt ihnen, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Sie starren weiter in den "Sinn ihrer Leben" und wischen rauf und runter, verharren kurz, bevor sie weiterwischen ... ohne dass der 

Beobachter vom Tisch schräg gegenüber weiß, was sie denn pausenlos so interessiert. Er gehört zu den wenigen, die unterwegs völlig ohne Blick in die Internet-Welt auskommen.

Dann tippt die Frau etwas ins Telefon, und der Beobachter hofft, dass sie dem Mann ein paar freundliche Worte schreibt. Der Mann tippt auch etwas, aber die Blicke der beiden treffen sich nicht. Jeder von beiden könnte auch irgendwem auf der großen weiten Welt etwas schreiben ...

oder sie werfen nur einen schriftlichen Kommentar unter irgendeinen Content, der sie brennend interessiert.

Das Essen wird an ihren Tisch gebracht und nebenbei verschlungen, denn den Hunger kann das Gerät noch nicht ersetzen. Aber den Genuss vereiteln?

Erst als die Rechnung gebracht wird, gibt es ein paar Wörter, und nicht nur der Kellner ist erstaunt, dass diese Leute wirklich sprechen können. Es gibt eine

ziemliche Diskrepanz zwischen den Preisen in der Online-Karte zu den aktuellen, die im Lokal verlangt werden. Das verursacht eine

kurze Aufgeregtheit des Paares ob der gestiegenen Preise zu der offenbar nicht sorgfältig gepflegten Internet-Seite.

Schließlich zücken sie zur Bezahlung ... natürlich eines ihrer Handys. Im Kopf formulieren sie bereits eine Beschwerde für eine schlechte Restaurant-Bewertung. Glaubt der Beobachter, weiß er aber nicht.

Er wendet seinen Blick von ihnen ab, denn er erkennt, dass er nicht viel besser ist als diese zwei Leute: immerhin hat er sich für sie

genau so intensiv interessiert wie sie für ihre Handys.

Das Paar, die Freunde, das Ehepaar ... verlassen den Laden.

Und wenn ich hier am Ende nicht mehr den vollen Titel wiederhole, ist es sehr gut möglich, dass aus diesem Paar oder auch dem Ehepaar und ganz vielleicht auch zwei Freunden

in nicht allzu weiter Ferne Wildfremde werden, weil sie einander täglich mehr ans www. verlieren.


Guten Tag, Gruß Silvia


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