Montag, 21. Januar 2019

21. Januar 2019 - Kurzgeschichte: Und plötzlich war alles anders ... 2. Teil



2. Teil
Und plötzlich war alles anders ...

Meine Mutter bekam einen ihrer oft geübten Nervenzusammenbrüche (die galten ausschließlich und exklusiv mir), und mein Vater konzentrierte sich ausnahmsweise völlig auf mich, indem er versuchte, mich von diesem abwegigen Gedanken abzubringen. Er verschwendete etwa 5000 Wörter an mich, von denen mich jedes einzelne nur noch mehr in meinem Wunsch bestärkte, Köchin werden zu wollen. Schließlich und als ihm keine weiteren Argumente mehr einfielen, kümmerte er sich um die armen Nerven meiner Mutter. Sie weinte, nein, sie schluchzte herzerweichend und er tröstete sie, führte mir aber gleichzeitig deutlich vor Augen, was ich (wieder einmal) angerichtet hatte.

Zum Glück war ich eine Volljährige mit einem mittelprächtigen Abitur in der Tasche und keine 14jährige, die die geringste Schulbildung gewählt hatte und dann einen bedeutenden Schritt in Richtung Selbstständigkeit wagte. Allerdings war ich nicht sicher, ob man mich nicht nur bis zum Abitur durchgeprügelt hatte, natürlich nur im bildlichen Sinne. Meine Eltern betonten gerne, wie sehr sie Gewalt verabscheuten - und meinten damit lediglich die körperliche. Ihre seelischen Gewaltanwendungen bemerkten sie eher nicht, und daher war das auch keine Gewalt. Ich liebte sie trotzdem von ganzem Herzen, aber allein ihre stetige Turtelei war derart realitätsfern, dass ich

in meiner Ausbildungs-Küche und in den ersten Tagen dachte, ich gehe jetzt durch die Hölle. Dort herrschte ein rauer Ton, oft wurde geschrien, und ich wunderte mich, dass der Koch nicht mit einer Peitsche dem Gulasch den Takt vorgab, oder vielmehr denen, die diesen kochten. Aber nach einer kurzen Weile entspannte ich mich und genoss die Art der Kollegen, die so völlig unterschiedlich zu der meiner Eltern war. Hier würde ich durch eine gute Schule gehen, durch jene, die der Mensch auch hin und wieder braucht, um nicht dem Irrtum zu erliegen, das Leben sei nur rosarot.

Meine Mutter sprach ein paar Wochen kein einziges Wort mit mir, mein Vater betrachtete mich über den Rand einer Brille als würde er überlegen, ob ich vielleicht doch nicht sein Kind sei ... aber zum Glück konnte er sich nicht wirklich vorstellen, dass hier und mit mir etwas völlig schief gelaufen war und ein Kuckuck mich in ein gemachtes Nest gesetzt hätte. Letztendlich fanden sie sich damit ab, wenn auch nicht gern oder sogar höchstzufrieden. Sie hofften wohl doch noch, dass ich alle Kochlöffel aus der Hand legen würde ... und mich wirklich wichtigen Dingen widmen würde.

Wider Erwarten, auch meiner eigenen, schloss ich die Ausbildung nach drei Jahren erfolgreich ab. Ich hatte meine Berufung gefunden, und die sollte mich weiterführen, als nur in die Gulasch-Küche meiner Ausbildungsstätte. Ich wollte höher hinaus. Ich wollte kreativ wie eine Malerin werden, und dafür ackerte ich hart.

Nach ein paar Jahren hatte ich es zur Sou-Chefin eines Sternelokals gebracht. Das vergrößerte jedoch keineswegs den Respekt, den meine Eltern meinem Beruf zubilligten: Meine Mutter wähnte sich im falschen Film, während mein Vater nur ein müdes Lächeln für meine Gehaltsabrechnungen übrig hatte. Aber sie lebten weiterhin ihre Traum-Liebe, während ich mich auf meinen Traum-Beruf konzentrierte.

Mit 26 Jahren sah ich meine große Chance gekommen: Ein bedeutender New Yorker Koch mit deutschen Wurzeln suchte in Deutschland einen Koch oder eine Köchin, die bei ihm arbeiten wollte. Das lief über keine einfache Bewerbung inklusive ein paar Fotos von besonders gekonnt zubereiteten Dinnern. Nein, es war schwieriger,

denn es gab zunächst ein Casting mit dem eher üblichen Bewerbungs-Kram, und dann mussten wir - ja, Hurra, ich war unter den Ausgewählten - gegeneinander kochen und Luke Miller, so hieß der Koch aus New York, kam extra rüber geflogen, um selber seine Auswahl zu treffen.

Es waren 10 harte Tage, in denen ich den Zuspruch meiner Eltern mehr denn je gebraucht hätte, aber der blieb aus. Sie nannten solch einen Wettbewerb "pillepalle" - eigentlich ein Wort, das im Sprachschatz meiner Eltern nicht vorkam, das sie aber hier für angemessen hielten.

Luke Miller war ein Mann von 35 Jahren, und während des Wettbewerbs war er sehr förmlich, nicht verbindlich und er kritisierte an jeder Kleinigkeit im Detail herum, bis auch bei mir der Wunsch größer wurde, den Kochtopf aus der Hand zu nehmen - oder ihn besser noch gefüllt an die nächste Wand zu schmettern.

Doch ich biss die Zähne zusammen. Ich war durch die harte Schule meiner Eltern gegangen - denn wenn man sich immer als 5. Rad am Wagen betrachtet, so ist das einfach hart. Ihr Harmonie-Betrieb in allen Lebenslagen hatte mich so oft gestört wie mich jetzt die viele Kritik von Mr. Superschlau Luke Miller störte - aber wenn sie mich nicht untergekriegt hatten, so würde es auch ihm nicht gelingen.


Copyright Silvia Gehrmann

Fortsetzung folgt


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