Die Kopflosen für Oma
Oma
Das Beste auf der Welt sind Omas - in meinem Fall trifft das absolut zu. Sie hieß Josefine, und sie hat mir locker die fehlenden drei zur Zeit meiner Geburt bereits verstorbenen Großelternteile ersetzt. Oma
konnte so viel geben wie die Eltern, aber weglassen, was Eltern unter Erziehung verstehen. Meine Oma hat die Erziehung lediglich ein wenig gedehnt und
V e r ziehung daraus gemacht.
Immerhin hatte ich als Mädchen die beste Ausgangsposition, denn meine Oma war Mutter von drei Jungen, und dann endlich kam ein blondgelocktes Kind auf die Welt, das ihre Mütterlichkeit komplett gemacht hat.
Jung Witwe geworden, gab es vor meiner Geburt einen Mann, der sich für sie und sie sich für ihn interessiert hat - aber
gerade auf die Welt gekommen, hatte ich meinen ersten Konkurrenten bereits geschlagen. Er hatte keine Chance ... und ich schwöre, dass ich selber zwar der Grund dafür war, aber keine Schuld daran getragen habe.
Ich war der Fixstern, um den sie sich bis zu ihrem Lebensende gedreht hat. - Viel Verantwortung für ein kleines Mädchen ... bis zur Arschloch-Egoistin ist der Grad schmal, vielleicht sogar der zur Egozentrikerin.
Doch es gab einen Grund, warum ich weder egoistisch noch egozentrisch geworden bin: das Leben, das meine Oma mir vorgelebt hat.
Sie war bodenständig, bescheiden, gutmütig, menschenfreundlich, loyal, treu und vereinte viele weitere gute Eigenschaften in ihrer Person.
Natürlich habe ich nicht all ihre Eigenschaften 1 : 1 übernommen - denn einige negative Überraschungspakete hat auch jemand mit dem besten Vorbild in seinem Gepäck. Schließlich lebe und habe ich nie
ausschließlich in dieser Glückseligkeits-Blase des Verwöhntwerdens gelebt.
Aus mir wurde ein Mensch mit Fehlern, Schwächen und Vorzügen.
Egoismus und Egozentrik gehören n i c h t zu meinen Schwächen.
Die Kopflosen für Oma
Oma kaufte mir - sobald ich lesen konnte - regelmäßig die "Bravo", die meine Eltern eher ablehnten - und die ich somit nicht heimlich vom Taschengeld hätte kaufen müssen.
Auch kulinarisch hatten Oma und ich keine Probleme: von Brötchen habe ich immer nur die obere Hälfte gegessen, so dass ich bei meinem üblichen Frühstückshunger von einem Brötchen zwei "bessere Hälften" hatte.
Sie meinte einfach, sie esse die untere sowieso lieber, um mich nicht unnötig zu stressen.
Zwar dachte ich später, dass sie einfach gelogen hatte, um mir etwas Gutes zu tun, aber:
seit ein paar Jahren esse auch ich wirklich lieber die unteren Hälften.
Sie führte mich ans Spargelessen: Was mich heute sehr erfreut, war für mich als Kind durchaus eine Herausforderung. Spargel hat nicht viel Eigengeschmack und ist faserig und wässrig. Anfangs habe ich dieses Gemüse nur ihretwegen mit gespitzem Kinder-Mäulchen gegessen ...
Doch schnell hatte ich raus, was mir bereits damals am Spargel schmeckte, und das sind die Köpfe. Ich glaube,
ich brauche nicht erwähnen, dass sich fortan von allen Stangen die Köpfe bekam,
während meine Oma die Kopflosen ganz für sich allein hatte.
Das Kulinarische ließe sich ebenso endlos weiterführen wie alles andere zwischen uns, aber für heute reichen Spargel und Brötchen. Und die "Skandal-Bravo".
Guten Tag, Gruß Silvia
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