Renate - sie wurde nur 19 Jahre alt
Ich weiß noch, wie das Haus aussieht, in dem sie gewohnt hat - und an den Garten dahinter erinnere ich mich auch. Was mir nicht mehr als Erinnerung angezeigt wird, ist ihr Gesicht, umrahmt von halblangen braunen Haaren, aber ohne einen Blick auf ihre Augenfarbe. Ich entsinne mich, dass sie schlank gewesen ist und nett im Sinne von sympathisch war.
Wir kannten uns bereits als Kinder einer Nachbarschaft in Dortmund-Barop. Befreundet waren wir nie, denn als sie mit 19 Jahren gestorben ist, war ich erst 15 oder höchstens 16 Jahre alt. Jahre, die trennend wirken, weil die Interessen der einen nicht die der anderen sein können. Das mag heute anders sein, aber damals spielte die Altersdifferenz in jungen Jahren eine Rolle. Später im Leben fallen diese wenigen Jahre nicht mehr ins Gewicht.
Renate war dennoch immer irgendwie da, in der Nähe, präsent, und sie gehörte zum unbedingten Bild unserer Nachbarschaft.
Doch dann kam der Tag, an dem alles anders wurde:
Eine fehlte plötzlich, als hätte man von einem Foto den Teil abgerissen, der später in den Erinnerungen wie eine riesige Lücke klafft:
Renate war ganz plötzlich gestorben - mit nur 19 Jahren ... bei der Geburt ihres Kindes.
Hatten sich vielleicht zuvor noch ein paar Leute die Mäuler darüber zerrissen, wie man schon so früh Mutter werden konnte - war für Renate die natürlichste "Sache" der Welt letal ausgegangen.
Die Trauer - auch in der Nachbarschaft - war groß. In ihre Familie hatte sie ein tiefes Loch gerissen, und sicherlich trauern ihre zwei Brüder noch heute um ihre auf immer vermisste große Schwester, während ihre Eltern inzwischen vermutlich längst selber verstorben sind.
Ich denke einerseits nicht mehr oft an Renate, aber andererseits habe ich sie auch nie vergessen. Manchmal kommt sie mir unvermittelt in den Sinn. - Und ganz vielleicht hat ihr Tod bei mir sehr persönliche Spuren hinterlassen, denn so unbeteiligt war ihr Schicksal eventuell nicht an meiner Entscheidung, nie Kinder haben zu wollen. Wenn ich bei meinem Unterbewusstsein angeklingelt habe, hat es zumindest mit dieser möglichen Begründung aufgewartet.
Gestern habe ich den Film "Blackbird" gesehen: in diesem trauert ein 16jähriger um seinen an Krebs verstorbenen gleichaltrigen besten Freund. Er trauert auf seine sehr eigene Art und Weise: laut, leise, sprachlos, auch mit schlechtem Gewissen.
Das war wieder einer der Momente, in denen mir Renate als Unvergessene in den Sinn gekommen ist, diesmal nicht unvermittelt, sondern mit der Hilfe eines Films.
Welch ein Leben hätte sie vor sich gehabt?
Es ist ungelebt geblieben!
Guten Tag, Gruß Silvia
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