In der Kneipe "Umme Ecke"
Es gibt sie kaum noch, diese typischen Kneipen aus meiner Kindheit, in denen immer ein Glas Soleier auf den Tresen gestanden hat - und die Männer in Dreiergruppen einen Skat gekloppt haben. A b e r hier und da und etwas versteckt, finden noch
immer vorwiegend Männer ihre Lieblingskneipe, um bei so einigen Herrengedecken (ein Bier, ein Schnaps) die politische Weltlage durchzuhecheln ... und natürlich zu lösen, als wäre es ein leichtes Strategiespiel, das nur Politiker so kompliziert machen - was der Grund sein könnte, dass sie allesamt daran scheitern.
Diese von mir glatt erfundene Kneipe heißt auch noch "Umme Ecke" - was jedoch keinem Aufruf zu Mord- und Totschlag gleichkommt. Hier gibt es lediglich die
üblichen Totschlagsargumente und Lösungsphantasien. Aus allen Sichtweisen, die hier von den unterschiedlichen Charakteren verbreitet werden - die es jedoch eint, dass sie sich nur verbal an die Köppe kriegen und nach einem nicht gerade unüblichen Filmriss allen Streit wieder vergessen.
Im "Umme Ecke" gibt es auch den berühmt-berüchtigten Stammtisch, der alles an geballter meist Altherren-Männlichkeit auffährt, was der kleine Stadtteil einer großen Stadt aufzuweisen hat. Es gibt die ewigen Sozi, die aus reinem Prinzip die Agonie ihrer Lieblings-Partei nicht wahrnehmen wollen. Ja, sie k ö n n t e n, aber dann würden sie den Glauben an sich selbst verlieren, mit dem sie der SPD ewige Treue geschworen haben. Die SPD kennt diese Männer gar nicht, und ihr als Partei sind sie auch völlig ralle.
Abtrünnige sind bereits die zwei Kerle, die der CDU den Rücken freihalten, obwohl sie niemand darum gebeten hat - und die Partei selber auf sie so was von pfeift, das könnten sie sich nach 10 Bieren nicht vorstellen. - Die Kneipe steht schließlich in einer SPD-Hochburg - wobei die Genossen vergessen, den Plusquamperfekt zu nutzen - denn Hochburg und SPD in einen fast familiären Zusammenhang zu bringen, gehört nun wirklich der Vorvergangenheit an.
Und dann gibt es noch die zwei Gestalten - so nennen ihre Stammtischbrüder sie - die für eine recht neue, aber immens aufstrebende Politik werben.
Was es nicht gibt, sind Brandmauern: wer einmal am Stammtisch sitzt, darf dort so lange bleiben, wie seine Leber es mitmacht - denn die muss bei den vielen zu wälzenden Problemen Hochleistungs-Trinken verarbeiten. Ohne Sprit geht gar nichts! Und spätesten beim letzten
Herrengedeck, bevor jeder heimtorkelt, sind sie allesamt wieder Brüder.
Nur einer macht ihnen Sorge und wirft Fragen auf, und das ist der alte Mann, den man eigentlich Herr nennen könnte und der wie aus dem Ei gepellt aussieht, und ganz allein am immer selben Tisch sitzt: seine Fingernägel sind ebenso sauber wie seine Kleidung, und die Stammtisch-Brüder unterstellen ihm insgeheim, etwas Besseres sein zu wollen - oder gar zu sein. Nicht Bier und Schnaps trinkt er, sondern Wein. Er ist also keiner von ihnen, denn sie waren allesamt Malocher, und manch einer ist ziemlich kaputtmalocht.
An einem anderen Tisch sitzt manchmal eine recht unscheinbare Frau, die ziemlich schüchtern ist und ihre Blicke senkt, sobald sie jemand anspricht - und sei es nur, um ihre Bestellung aufzunehmen. Sie ist genau so scheu wie es einst Lady Di gewesen ist, bevor sie ihren großen Durchbruch gehabt hat.
Hier im "Umme Ecke" ist jeder herzlich willkommen, um den Stammtisch-Brüdern zu lauschen, ihnen zuzustimmen, ihre Argumente abzulehnen oder sie völlig gaga zu finden ... ganz wie im Social-Media-Leben, nur sehr viel mutiger und persönlicher.
Am Stammtisch wird weiter gelacht, gestritten, geschrien und alles das, was zwischen Streiten, Weinen und Lachen möglich ist, wenn nach Lösungen gesucht wird, die schon andere nicht gefunden haben. Wären die Stammtische nicht weitgehend ausgestorben - gäbe es irgendwann diese eine, diese Patentlösung!
Guten Tag, Gruß Silvia

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