| links: Christine, Mitte: ich, rechts: Inge |
Über den Wolken ... kann die Freiheit wohl grenzenlos sein
- Reinhard Mey
Das Leben schlägt Kapriolen und bringt Menschen zusammen, die sich nie kennengelernt hätten, wenn sie nur im selben Bus gefahren wären oder in einem Geschäft die gleiche Tapete ausgesucht hätten. Alles ist immer rein zufällig - oder zumindest spielt der Zufall eine große Rolle, die er dann ausweitet. Wenn er gerade nichts anderes vorhat.
Zuerst kannte ich Inge - meine verrückte Freundin, die nichts so ernst nahm wie den dummen Ernst des Lebens, den sie zutiefst verabscheut hat. Sie war das verzogene Gör von Eltern, die bei ihrer Geburt bereits zu alt und zu vernarrt in sie waren, um ihr Grenzen setzen zu können. Inge wollte nur leben, jeden Tag und jede Minute, und vermutlich war es ihr auch egal, wie lange es dauerte, dieses Leben.
Durch gewisse und umfangreiche ineinander übergreifende Zufälligkeiten haben wir uns kennengelernt. Hätte ich mich an einer Wegbiegung in meinem Leben nur für einen klitzekleinen anderen Weg (und damit meine ich keinen dramatischen, sondern einen winzigen Weg) entschieden, wären wir uns niemals begegnet. - Oder eben nur in einem Bus. Vielleicht.
Wir wurden beste Freundinnen. Das ging nicht von heute auf morgen oder übermorgen, sondern dauerte seine Zeit. Denn Inge war so speziell,
wie ich niemals gewesen bin. Und als wir Freundinnen gewesen sind, ärgerte ich mich manchmal über sie, denn mit meiner ausgeprägten
Vernunft konnte ich niemals mit ihr Schritt halten. Ich wollte das auch gar nicht. Andererseits hat sie mich fasziniert. Zumindest manchmal.
Durch Inge lernte ich Christine kennen. Christine war Französin - und sie war die erste Ehefrau von
Reinhard Mey, dem Lieder-Interpreten.
Im Gegensatz zu Inge war Christine eine seelisch gesunde Frau, die trotzdem von Inge ebenso gefesselt war wie ich selber.
Aber hin und wieder vollkommen verrückt war nicht nur Inge, sondern auch Christine und ich.
Viele bekloppte Nächte haben wir in unserer Stadt verbracht: Drei auf einem Level. Drei mit enormer Lebenslust.
In den Zeiten dazwischen sind Inge und Christine mehrmals nach Israel gereist, es war beider Lieblingsziel, geprägt von tiefer Freundschaft zu diesem Land.
Es gibt Menschen, die mich nie losgelassen haben, obwohl diese beiden nicht mehr leben - wir hatten Spaß miteinander, ziemlich besoffen, aber auch stocknüchtern.
Inge war in etwa der bekloppteste Mensch, den ich je getroffen habe, während Christine eine der der freundlichsten und liebevollsten gewesen ist.
Inge verzeihe ich nicht, dass sie in ihrer Verrücktheit eines Tages den Suizid gewählt hat. Das hätte sie ihrer damals noch lebenden, aber bereits sehr betagten Mutter nie antun dürfen. Es war auch keine Kurzschlusshandlung, denn sie hatte sich akribisch darauf vorbereitet, damit sie nicht gefunden wird, solange sie noch lebt.
Christines Krebserkrankung kann ich auch nicht verzeihen. Sie war noch viel zu jung und hat sich um ihre an MS erkrankte Schwester gekümmert. Jäh wurde ihre wichtige Aufgabe von der Krankheit gestoppt.
Ruhet in Frieden, Inge und Christine. Über den Wolken ist die Freiheit vielleicht grenzenlos. Wer weiß.
Guten Tag, Gruß Silvia
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