Mein Yorkshire-Terrier Robin ist am 6. September 2019 gestorben, doch bis heute will das in meinem Kopf nicht wirklich ankommen. Sein ganzes Leben habe ich mit ihm verbracht.
Es war ein schöner Sommertag, als er diese Welt nicht nur verlassen, sondern alles zurückgelassen hat, was er geliebt hat: seinen Wald, das Gras, die Düfte der Jahreszeiten, Menschen, andere Hunde - und mich.
Die Welt war für ihn immer kunterbunt, und das Gras nicht einfach nur grün, sondern satt grün. Genau so, wie für manche Menschen das Glas immer halbvoll anstatt halbleer ist.
Das war auch noch genau so, als er durch seine Augen-Operation sein Sehvermögen komplett verlieren musste. Er ersetzte seine Augen
durch seinen Geruchssinn.
Das heißt nicht, dass es ihm nichts ausgemacht hätte, blind zu sein - und das auch noch im hohen Alter von über 15 Jahren.
Es war nicht einfach für ihn, das zu akzeptieren, aber er hatte dieses Kämpfer-Gen, das ihm nicht erlaubte, sich an etwas zu klammern,
das nicht mehr da war, sondern sich an dem zu erfreuen, was ihm geblieben war.
Und ich klammerte mich für ihn an den Gedanken, jeden Morgen wieder aufzustehen, und somit einfach n i c h t zu sterben. Die vollkommene Ignoranz, dass etwas nicht passieren würde, was nicht passieren sollte.
Monatelang sah es ganz danach aus, als würde der Plan gelingen ... und wir könnten gemeinsam seinen Tod ignorieren. Sollte er anklopfen, so viel er wollte - wir würden ihm nicht die Tür öffnen.
Aber ich hatte nicht mit Robins schwindenden Kräften gerechnet: er war alt, seit Jahren herzkrank, so dass wir dankbar sein mussten, dass er die gut überwachte Operation überstanden und noch eine schöne Zeit gehabt hat - war er an jenem 6. September 2019
selber bereit, sich auf den Weg zu machen.
Ich begleitete ihn bis zur Tür, hinter der der Tod wartete, und ich glaube, er wurde für Robin zu einem Freund anstatt ein Feind zu sein, den man nicht reinlässt.
Wir fuhren gemeinsam in die Tierklinik. Dort war er wohlbekannt. Über ein Jahr lang hatten wir ein Dauer-Abo gehabt, um sein Augenlicht zu retten - was lange Zeit geglückt ist.
Sanft wurde er in der Klinik untersucht, und es wurde ihm Blut abgenommen.
Während wir auf die Ergebnisse gewartet haben, bin ich mit ihm vor die Tür zu einem Stück Wiese gegangen.
Ganz, ganz tief und ganz, ganz lange hat er seine Terrier-Nase in das Gras gesteckt, als
wolle er den Duft mit über den Regenbogen nehmen, um ihn dort bekanntzumachen. Er war zeitlebens immer der gründlichste Spurensucher gewesen, den ich mir vorstellen kann - aber an diesem Tag war er noch einen Ticken inniger und ein bisschen verträumt in den Geruch des Grases vertieft.
Leider brachte die Blutuntersuchung eine niederschmetternde Diagnose: Nierenversagen. Unheilbar.
Er starb in einem ruhigen, dunklen Raum einen leisen, schmerzfreien Tod, natürlich begleitet von mir und einem Arzt, den er gut gekannt hat.
Ich vermisse ihn noch immer: ohne Übertreibung war er der schönste, klügste, weiseste und zuweilen auch wildeste Yorkshire-Terrier, den ich
kannte - und bis heute kenne. Niemand seiner Art war so entzückend, so sehr Hund, so intelligent und eigenständig,
mit einem uneingeschränktem Terrier-Charakter. Er war beileibe niemand, der auf der Couch langsam versauert ist und in dem man den Hund im Hund nicht mehr erkennt - wie es vielen seiner Rasse-Genossen ergeht.
Er war Robin, der im realen Leben viele menschliche Fans hatte - und Hündinnen, die er geliebt hat, während nicht alle Rüden sogleich seine Freunde waren.
Schlafe weiter, mein Liebling. Du hast den Duft der Wiesen mit dir genommen, so dass du diese irdische Welt nicht vergessen kannst.
Guten Tag, Gruß Silvia
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